Sommermusse-Lesetipps!

Ich wünsche Ihnen eine frohe Sommerzeit!
Priska Friedli, Pfarrerin

Julia Weber, Weil ich Ruth bin, Limmat 2026
460 Seiten wunderbarste Sprache und eine Hauptfigur - Ruth - der man sein Leben und was daraus werden kann, anvertraut. Sofort. 
Ruth wird mit einem Fell geboren, das sie allmählich verliert. Mit einer Kraft, mit der sie Menschen wandelt und das Wetter heraufziehen lässt. Und all die grossen Themen im Leben von Menschen - Geburt, Tod, Gewalt, Einsamkeit, Verlassenwerden, Identität und noch alles andere mehr - finden hier einen sprachlichen Platz, der ihresgleichen sucht.

Clara Heinrich, Pusztagold, AkiVerlag 2025

Gleich am Anfang von „Pusztagold“ zitiert Clara Heinrich die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion mit dem Satz, dass die Menschen stets von jener Landschaft geprägt seien, in der sie aufgewachsen sind.  

Die Autorin findet in ihrem Erstling eine Sprache für diese Prägung, eine Sprache für das Pflanzen und Ernten darin und die Traditionen der Mutter und für die Fatigue-Erkrankung ihres Lebenspartners.

Dieses Buch ist ein Wunderwerk. Weil es auf so einleuchtende Weise Dinge in Verbindung bringt, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören.

Annette Groeschner, Schwebende Lasten, C.H. Beck 2025

"Dies ist die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate im Berlin der früher 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis ans Lebensende."
Das ist der Beginn des Buches.
Und bis zum Schluss hört es nicht mehr auf.
Und schon der Titel ist so gelungen!

Ron Rash, Der Friedhofswärter, Ars Vivendi 2024)

Ein wunderbares Buch, das erste in deutsch, über Blackburn, den Friedhofwärter und seinen Freund Jacob, dessen Eltern nicht wollen, dass er Naomie heiratet als sie schwanger wird. Der sich um Naomie kümmert als Jacob in den Korea-Krieg eingezogen wird. Der da ist, als Jacob zurückkehrt und vor dem Grab seiner Frau und seines Kindes steht und nicht glauben kann, dass sie tot sein sollen. Und die Eltern Jacobs haben in all dem einen erschütternden Plan geschmiedet. So zärtlich, so filigran, so komplex und tief sind die Figuren gezeichnet und entwickelt sich die Geschichte - es ist eine wahre Freude und für mich ein perfekter Roman!

Louise Erdrich, Schattenfangen, ATB 2011

Er ist notorisch eifersüchtig.
Sie merkt, dass er ihr Tagebuch liest.
Sie stellt ihn nicht, sondern beschliesst, das Tagebuch weiterzuschreiben, um ihre Geschichte umzuschreiben.
Daneben legt sie ein anderes Tagebuch an, in dem sie schreibt, was dabei mit ihrer Beziehung geschieht.
Ein ungeheuerliches Buch.

Barbara Kingssolver, Demon Copperhead, DTV 2024

Wer Amerika verstehen will – nicht das, was DT von sich gibt und was er daraus machen möchte – der lese die Bücher von Barbara Kingsolver. Die appalachische Autorin beobachtet genau und zeigt die Schönheit der USA ebenso wie das Hässliche und kann Ambivalenz ertragen. Dieser Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Das amerikanische Pflegekindersystem und die Wirkungen von Opioiden auf breite Teile der Bevölkerung machen diesen Roman zu einem eindringlichen Aufruf für Mitmenschlichkeit.Die Geschichte von Demon, ab Geburt bis ins Erwachsenenleben, zeigt die ungeheure Stärke von jungen Menschen und ihre unendliche Zerbrechlichkeit. Und das Scheitern der meisten Erwachsenen, aber nicht aller. Auf sie kommt es an. Be the one!